2017 - AprilAktuellesBerchtesgadener LandMal was anderesNewsSpezial

Heli-Baumfällaktion über den Dächern von Berchtesgaden

Wenn Bäume fliegen lernen

Wer im Bergland wohnt, der ist es gewohnt, dass vor allem an schönen Tagen die Rotorblätter eines Hubschraubers regelmäßig die Stille oder das Vogelgezwitscher übertönen. Denn je schöner der Ausflugsort und das Wetter, umso mehr Ausflügler sind unterwegs und um so mehr Unfälle passieren. Hoch über den Dächern von Berchtesgaden fand Ende März ein Heliprojekt der ganz besonderen Art statt: Bäumefällen mit dem Helikopter.

(c)HTM - Team
(c)HTM – Team

100% Teamarbeit – Heli Travel Munich

Wir haben mit Heli Travel Munich über die Planung und den Ablauf einer solchen Aktion gesprochen. Denn: Während es vom Erdboden beim Zuschauen zwar spektakulär aber doch irgendwie kinderleicht ausschaut, ist solch ein Projekt 100%ige Teamarbeit.

  • Für den Piloten erfordert solch ein Projekt extrem viel Flugerfahrung im Bereich der Außenlastfliegerei
  • Für die Bodencrew, also die Flughelfer und Einweiser, bzw. die Forstspezialisten einschlägige Berufserfahrung in der Arbeitsfliegerei.

Baumfällen per Heli – Das steckt dahinter

Eine normale Crew beim Lastenfliegen besteht in der Regel aus einem Piloten und zwei Flughelfern/Einweisern am Boden. Je einer steht dabei am Auf- und Ablageplatz zum Durchgeben der Höhen. Bei Einsätzen an Berghängen wird eine spezielle Flugtechnik namens „vertical reference“ angewendet.

Das bedeutet, der Pilot hat ein spezielles Fenster im Boden, dass ihm den Sichtkontakt zum Haken, zur Last und zur Crew am Boden ermöglicht. Nur so ist das exakt präzise Fliegen von Lasten wie bei solchen Einsätzen möglich. Also das „Einfädeln des Hakens in die Baumkrone“, das genaue Halten von Höhen und Position, etc:

Während der Pilot sozusagen als erfahrener „fliegender Kranführer“ fungiert und die angehängten / gesägten Bäume abtransportiert, arbeitet die Bodencrew im und am unmittelbaren Gefahrenbereich. Das Team besteht aus Forstarbeitern, Baumpfleger, bzw. Kletterern. Die Arbeit ist körperlich und mental höchst anstrengend und erfordert jahrelange an Erfahrung in der Forstarbeit hinsichtlich Holzbringung, Baumklettern, Arbeit mit Hubschraubern, etc.

Der Flughelfer am Boden hat den Kletterer und die Maschine im Blick und gibt dem Piloten die Positionsangaben durch,  bzw. eine Tendenz in welche Richtung die Maschine ziehen soll. Er erteilt auch das Kommando zum Sägen. Alle Beteiligten stehen in Funkkontakt. 

(c)HTM – OE-XBF

Baumfällen mit dem Heli über den Dächern von Berchtesgaden

Rund 20 Bäume wurden bei der Baumfällaktion oberhalb von Berchtesgaden gefällt. Die Bäume standen oberhalb des erst kürzlich renovierten Soleleitungswegs. Da einige Bäume aufgrund ihrer Größe und aufgrund ihres Gewichts stückweise „von oben“ zerlegt werden mussten, waren insgesamt 47 Flüge notwendig.

Ganz wichtig bei solchen Arbeiten ist die Sicherheit. Sowohl für das komplette Team, als auch für das Umland, bzw. etwaige Anwohner. Beträgt bei normalen Holzflügen, auch Logging genannt, das Gewicht des bereits gefällten Bäumes circa 900 – 1000kg, so gibt es beim „Stehendabtragen“ eine Sicherheitsreserve von circa 20%. Das bedeutet ein maximales Baumgewicht von 800kg. So waren in Berchtesgaden zum Beispiel folgende Sicherheitsvorgaben zu berücksichtigen:

  • zahlreiche Häuser im angrenzenden indirekten Gefahrenbereich mit einem Abstand von gerade einmal circa 20-30m
  • das stark ansteigende Geländes hin zur Ablagestelle
  • der erst kürzlich sanierte Soleleitungssteg

Kleiner Hinweis, wer sich evtl. gewundert hat, dass die Arbeiten im März durchgeführt wurden, es gab eine Ausnahmegenehmigung aufgrund der Verkehrssicherheit, sodass die Baumfällaktionen auch in der eigentlichen Schonzeit gefällt werden durften.

(c)HTM – Baumschnitt in der Höhe

Und wie wiegt man einen Baum?

Die Gewichte werden vom Forstarbeiter, bzw. Baumpfleger geschätzt. Das Gewicht variiert je nach Baum- bzw. Holzart. Dazukommen der Zustand des Baumes, also ob er gesund ist und gut „im Saft steht“ und der Zustand des Kronenbereiches, also wie stark dieser verästelt ist.

Verschätzt sich der Verantwortliche am Boden, dann muss die Maschine mit der entsprechenden Leistungsreserve ausgleiche. Am Soleleitungssteg hatten fast alle Bäume zwischen 500kg & 700kg. Lediglich eine Handvoll waren jenseits von 800kg und ein Ausreißer mit 1000kg war auch dabei.

Baumfällen mit dem Heli – Diese Sicherheitsmaßnahmen sind notwendig

Um mit dem Helikopter Baumfällmaßnahmen durchzuführen, sind zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen zu berücksichtigen.

Keine Frage, der größten Gefahr bei solchen Arbeiten sind prinzipiell der Flughelfer & der Forstarbeiter, bzw. Baumpfleger ausgesetzt, da sie sich im direkten Gefahrenbereich befinden.

Während bei „Bodenschnitten“ im Gefahrenfalle (falls der Baum nach der Trennung unerwartet ausscheren sollte) noch eine Fluchtmöglichkeit besteht, ist der „fliegende Schnitt“ wesentlich gefährlicher.

Muss der Baum in mehrehren Schritten zerlegt werden, so ist der Forstarbeiter an den Baum „gefesselt“. Es besteht keine Fluchtmöglichkeit mehr. Er ist in dem Fall möglichen herabfallenden morschen Ästen im unmittelbaren Gefahrenbereich direkt ausgeliefert. Schert der Baum unerwartet beim Durchtrennen aus, hat der Forstarbeiter ebenfalls keine Chance sich zu schützen.

Um das Risiko für das Team so gering wie möglich zu halten, sind Arbeitsvorbereitung und -planung das A und O, außerdem befinden sich immer nur maximal zwei bis drei Arbeiter im direkten Gefahrenbereich.

Finden solche Arbeiten in der Nähe von Wohngebieten statt, so sollte – wie in Berchtesgaden – darauf geachtet werden, die Häuser möglichst nicht zu überfliegen. Trotzdem wurden die direkten Anwohner im obigen Fall für den „Falle eines Falles“ zu ihrer eigenen Sicherheit evakuiiert.

Das gleiche gilt natürlich für Wanderwege, die ebenfalls für die solcher Einsätze gesperrt werden um Gefährdungen durch herunterbrechende Äste aufgrund des Abwindes der Rotorblätter zu verhindern. Allerdings kann man bei entsprechender Seillängenberechnungen den Abwind soweit minimieren, dass er nicht stärker ist als der „klassische“ Herbstwind.

Und dann natürlich nicht zu vergessen, die richtige sorgfältige Anbringung der zu transportierenden last. Generell kann ein „Herunterfallen der Last“ technisch, bzw. luftfahrseitig aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen in der Vorbereitungen beim Anbringen der Rundschlingen ausgeschlossen werden.

Allerdings ist so ein Projekt für alle Beteiligten „eine Kopfsache“. Vor allem aufgrund der vielen Blicke Zuschauer, bzw. Aufnahmen durch Handys, die in der Regel rasch ihren Weg ins Internet finden.

Und wie wird so ein Einsatz geplant?

Nach der Anfrage durch den Kunden findet zunächst eine Begehung durch den Einsatzleiter des Luftfahrtunternehmens und des Forstspezialisten vor Ort statt. Dabei wird der Aufwand ermittelt und eine Gefährdungsanalyse sowohl von flugbetrieblicher Seite (örtliche Gegebenheiten, Flugwege, Ablageplatz/Landemöglichkeit, Seillänge, etc.), als auch von forstbetrieblicher Seite (wie der Baum am sichersten „erklettert“ und gefällt/zerlegt werden kann bzw. in wie vielen Schritten). In Ausnahmefällen ist so eine Aktion allerdings auch nicht so „einfach“ durchführbar.

Am Tag vor dem eigentlichen Flugbetrieb werden alle vorbereitenden Arbeiten erledigt. Festlegung der Reihenfolge, Anbringung von Anschlagmittel (Rundschlingen) und Schnittmarkierungen. Teilweise Hintersicherung von „besonders schweren Fällen“ um ein Umfallen durch den Abwind zu vermeiden.

Gleiches gilt für morsche Äste im direkten Gefahrenbereich/Einzugsbereich des Abwindes, welche bestmöglich entfernt werden, falls kritisch. Mit diesen Arbeiten steht und fällt der ganze Einsatz. Das eigentliche „Fliegen“ ist sekundär, denn Versäumnissen in der Vorbereitung führen unweigerlich zu starken Verzögerungen bis hin zu einem Abbruch am Flugtag.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Auswahl des richtigen Tages, bei der Witterung und Wind eine wichtige Rolle spielen. Allerdings gibt es vor allem in den Bergen aufgrund des lokalen Wetter- und Windsystems nie eine 100%ige Prognose. Zu starker Wind würde genaues Arbeiten und somit präzises Fliegen erschweren und im schlechtesten Fall nicht ermöglichen.

Außerdem braucht der Forstarbeiter einen möglichst trockenen Stamm zum Klettern.

Über HTM – Heli Travel Munich

Heli Travel Munich wurde 1997 von Hans Jürgen Ostler gegründet. Unternehmenszweck waren der IFR und VFR Flugbetrieb sowie:

  • HEMS
  • Offshore
  • Windeneinsätze
  • Außenlasttransporte
  • Lawinensprengen
  • Feuerlöschen
  • Helsiki

    HTM leitet eine ATO (Flugschule) und besitzt in Deutschland und österreichweit circa 25 sowohl ein- als auch mehrmotorige Helikopter. Die Zentrale befindet sich in Ottobrunn bei München, außerdem gibt es eine Niederlassung in Salzburg und für den Offshore Bereich in Norddeutschland.
(c)HTM - Fluggebiet
(c)HTM – Fluggebiet

Außerdem werden deutschland- bzw. europaweite Einsätze wie zum Beispiel nach Island, Georgien, Grönland und Schweden geflogen.

(c)HTM

Geflogen wird mit Airbus Helicopters. Die Hubschrauber laufen mit einem Turbomeca Arriel 2 D Triebwerk und haben 952 PS. Weitere technische Daten:

  • Max Abfluggewicht 2250 kg
  • Max Abfluggewicht mit Außenlast 2800 kg
  • Max Tragkraft 1400 kg
  • Max Betriebshöhe 7000 m
(c)HTM

Hubschraubereinsätze – Hier sind sie im Einsatz

  • Versorgung von Berghütten an entlegenen Stellen zum Transport von Esswaren, Getränken und weitere Materialien sowie zum Abtransport des in der Hütte gesammelten Abfalls
  • An (Bau-)Stellen wo die Zufahrt mit Lastwägen nicht möglich
    ist. Ein zusätzlicher von Güterwegen wird vermieden und keine Schäden in der Natur hinterlassen
  • Bei Forstarbeiten zum Abtransport von Wäldern statt der Erstellung von Transportwegen für schwere Fahrzeuge, Kräne, die häufig Naturschäden hinterlassen
  • Stückweises Abtragen von Bäumen „von oben“ überall dort wo ein
    Fällen des Baumes aufgrund des Bodens, des exponierten Geländes
    oder Nähe zu Wegen, Straßen und Leitungen nicht möglich ist
    Zusätzlich können Sperrzeiten erheblich reduziert werden
  • Für die Revisionen von Skiliften und Bergbahnen
  • Bei der Montage/Demontage von Sendetürmen
  • Bei der Errichtung von Lawinen und Steinschlagschutzverbauungen
  • In Katastrophensituationen wie Hochwasser, Erdrutschen, Waldbränden, Lawinenabgängen
    • Bedrohten oder blockierten Ortschaften kann mittels Luftbrücken,
      Erkundungsflügen, Rettungen und Evakuierungen schnell und sicher geholfen werden
  • Feuerlöschen – Mit rund 900 Liter Wasser pro Flug können Brandherde schnell und direkt angeflogen werden. Zusätzlich können Feuerwehrleute, Löschgeräte und Material an die Einsatzorte geflogen werden.
  • Lawinensprengen – Präzise und punktgenaue Ausbringung von Sprengladungen zur Absicherung von Straßen, Eisenbahn und Skigebieten
  • Viehbergungen Rasche und sichere Bergung von verletzten Tieren, sowie Abtransport von verendetem Vieh

Weitere Infos über HTM – Heli Travel Munich findet Ihr unter helitravel.de

Schlagwörter
Mehr zeigen

Petra Sobinger

petra.sobinger@be-outdoor.de

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Dich auch interessieren
Close
Back to top button
Close
Close