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Hutmacher aus Lindenberg – Wie der Strohhut ins Allgäu kam

„Ich würde nie ohne Hut aus dem Haus gehen“

Kennt Ihr die Hutmacher aus Lindenberg? Der Pferdehandel und der Ehrgeiz der Heimarbeiterinnen – sie trugen dazu bei, dass das Städtchen Lindenberg zur Weltmetropole der Hutherstellung wurde. Und das übrigens noch, bevor München elektrisches Straßenlicht bekam…

Es zischt, es blubbert, es brummt. Wenn in Lindenberg im Allgäu Hüte gemacht werden, wirken Hitze, Dampf und Druck auf die Rohlinge aus feinstem Filz. So lange, bis ein formvollendeter Kopfputz entsteht. Je nach Modell schrubbt am Ende sogar Haifischhaut über die flauschige Oberfläche.

(c)Renate Wildenhain Communications
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Hutproduktion für die ganze Welt

Das sind ganz schön exotische Vorgänge für so ein beschauliches Städtchen, das bis ins 17. Jahrhundert noch bitterarm war und erst durch die Produktion von Strohhüten bekannt wurde.

„1908 fertigte Lindenberg acht Millionen Hüte – und verkaufte sie in die ganze Welt“, sagt Günther Rädler, ein ehemaliger Hutmachermeister, der heute Führungen im Deutschen Hutmuseum gibt.

Woche für Woche erzählt er, wie aus dem beschaulichen Dorf eine Stadt mit 34 Hutfabriken und Konfektionsbetrieben wurde.

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Vom Pferdehandel zu Hutmachern

Der Weg dorthin war zunächst steinig und bedrohlich schmal. „Der Pferdehandel machte die Menschen hier reich. Lindenberg war die letzte Station vor den Alpen. Die Pferde wurden im Krieg in Italien gebraucht, die Allgäuer boten ihre Hilfe für die Transporte auf den gefährlichen Wegen an.“

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In sogenannten Koppelzügen aus bis zu 25 Tieren wurden die edlen Rösser über die Berge geführt. „So verdienten viele über Jahrzehnte das Dreifache eines Tagelöhners – und sammelten nebenbei Erfahrung im Export und im Verkauf.“ Und neue Ideen für Kopfbedeckungen.

(c)mayser Image book - Renate Wildenhain Communications
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Die Experimente der Bauersfrauen

„Die Bauern im Allgäu hatten bis dahin sogenannte Schatthüte auf dem Kopf“, berichtet Rädler. Sie dienten als Schutz gegen Sonne und Regen und sahen ganz anders aus als die feinen und eleganten Modelle aus Italien.

Ein Grund dafür: „Hierzulande verwendete man das Stroh am Ende der Reifephase des Getreides – dann war es bereits grau und starr. Die Italiener produzierten Hüte aus jungen, gelben, noch ganz elastischen Halmen.“

(c)mayser Image book - Renate Wildenhain Communications
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Gefertigt wurden die Hüte in Italien wie im Allgäu, aber genau gleich: Man flocht Borten, die schneckenförmig im Kreis genäht werden. 36 Meter brauchte für einen kompletten Hut. „In Italien beobachteten die Allgäuer Koppelknechte, wie man das Stroh sechsfach spalten kann, ohne es zu zerbrechen – und brachten die Idee und das dazu passende kleine Trennerwerkzeug, den Halmspalter, mit ins Allgäu“, so Rädler.

In den folgenden Wintermonaten experimentierten die Bauersfrauen und hatten Erfolg. Sie flochten aus feineren und schmaleren Halmen immer raffiniertere Borten und nähten daraus immer schönere Hüte.

Ein echter Kulthut

Dass die ganze Stadt zur Hutfabrik wurde, lag vor allem an den Frauen. Nach dem Motto „Des ka i aber scheener als mei Nachbarin“ fasst Rädler den Ehrgeiz der Heimarbeiterinnen zusammen.

Die Nachfrage stieg, die Lindenberger schlossen sich zu Hutkompagnien zusammen, die Stadt bekam ein Zollamt, einen Bahnhof und eine Post. „Und elektrische Straßenbeleuchtung – sogar noch vor München“. Den Höhepunkt erreichte die Strohhutproduktion mit dem Matelot.

Das kreisrunde Hutmodell mit flacher Krone und dunklem Band war der Exportschlager und ein echter Kulthut um 1900. Einst gefertigt für die Matrosen des Kaisers und Königs von Preußen, musterte sich die Kopfbedeckung zum Statement: „Der Sport- und Freizeithut war ein Symbol für Erholung und Vergnügen.“

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Über 100 Jahre alte Maschinen

Autos, Dauerwelle und die Hippiebewegung machten den Hut irgendwann unattraktiv – danach ging es steil bergab. Heute gibt es zwar noch eine einzige Hutmanufaktur in Lindenberg.

Die Firma Mayser produziert hier noch ihre Prototypen an Maschinen, die zum Teil fast 100 Jahre alt sind. „Damals wie heute nimmt ein gelernter Hutmacher ein Stück 200-mal in die Hände“, erklärt Petra Schleicher, die seit vielen Jahren bei Mayser arbeitet und jeden der über 80 Arbeitsschritte genau kennt. Sie lässt uns hinter die Kulissen der Hutproduktion blicken.

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„Nie ohne Hut aus dem Haus“

Los geht es im Keller: In der hauseigenen Schreinerei im denkmalgeschützten Farbrikgebäude schnitzt ein Hutschreiner Modelle aus weichem Lindenholz.

„Die Vorlagen dazu kommen von unseren Modistinnen“, sagt Petra Schleicher und zeigt auf ein Gebilde aus einem Holz-Span-Geflecht. Aus der Holzvorlage erstellen Handwerker eine Gipsvorlage und dann eine formidentische Schale aus Aluminium.

„Holz würde nur 70 Hüten standhalten“, macht Schleicher deutlich. Denn wer Hüte produziert, braucht drei Dinge: Hitze, Feuchtigkeit und Druck. „Und das verträgt Holz nicht besonders gut.“ Bevor die sogenannten Stumpen (Rohlinge aus Schafwolle, Kaninchenfell oder Biberhaaren) geformt werden, bekommen sie noch die richtige Farbe.

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Vom Kochen zum Hutziehen

„Beim Kochen in den Farbbädern gehen die Rohlinge ein. Die müssen wir danach erst wieder in Form bringen.“ Das passiert per Förderband und Rüttelwalzen und mit viel Drehen, Wenden und Dehnen.

Nach dieser Abteilung hat der Rohling eine grobe Form und auch schon eine Krempe. An der Schleifmaschine bekommt das Modell die passende Struktur: Rollen mit Sandpapier, Bürsten oder Haifischhaut schrubben die Oberfläche bis zur gewünschten Griffigkeit.

Dann wird es spannend: Der Materialklumpen trifft auf seine 100 Grad heiße Aluminiumform. „Hutziehen“ heißt der Vorgang, bei dem der Rohling über das silberne Modell gestülpt und nach unten gezogen wird. Kräftig, aber nicht zu kräftig.

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Ganz tief, aber nur so weit, dass es alles ausfüllt und noch Platz ist für die Dellen im oberen Bereich. „Danach sind es nur noch vier Schritte: Hutschnur festziehen, überstehenden Stoff abschneiden, umnähen, dekorieren – fertig“.

„Und ist das jetzt stabil?“ „Ja, solange sie ihn nicht klatschnass und zusammengeknüllt verstauen“, meint Frau Schleicher, die selbst über 100 Hüte zu Hause hat und jeden gerne trägt. Hüte sind einfach praktisch. Nicht so eng wie Mütze, schicker als eine Baseballkappe, schützen bei Regen – und sind ein tolles modisches Accessoire. „Ich würde nie ohne Hut aus dem Haus gehen.“

Quelle: Renate Wildenhain Communications

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Petra Sobinger

petra.sobinger@be-outdoor.de

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