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Skitourengehen – Massentourismus statt Naturerlebnis?

Blick hinter die Kulisse, bzw. den Pistenbully...

Skitourengehen macht Spaß. Das Ziel: Über einen tiefverschneiten Weg sich langsam aber sicher an sein ganz persönliches Gipfelerlebnis heranarbeiten. Und wenn man es geschafft hat – runter mit den Fellen und wenn möglich die ersten Schwünge in einen jungfräulich, unverspurten Hang ziehen. Genau diese Art von Romantik und die steigende Anzahl „cooler Pics“ von unterwegs in den sozialen Medien, die zugegebenermaßen auch wir repräsentieren, dieser Trend sorgt dafür, dass die Anzahl der Skitourengeher immer weiter zunimmt.

Rund eine halbe Million Skitourengeher gibt es mittlerweile in Deutschland. Alleine im Nachbarland Österreich werden pro Jahr rund 50.000 Paar Tourenski verkauft. Nicht mitgerechnet diejenige Ausrüstung, die bereits daheim vorhanden ist. Je mehr diese Zahl ansteigt, desto größer werden allerdings auch die Probleme. Denn immer mehr Skitourengeher wählen die Piste für den Aufstieg und für die Abfahrt. Schlimmer noch – eine steigende Anzahl wählt sogar den Lift für den Rückweg, aufgrund ungenügender skifahrerischer Fähigkeiten.

Rund 30% aller Skitourengeher nutzen sogar ausschließlich präparierte Skipisten. Begibt man sich in manche Skigebiete, so hat man sogar den Eindruck, diese Zahl ist nur ein kleiner Prozentsatz der wirklichen Masse. Das schafft Probleme. Denn: Während tagsüber im Rahmen des Skibetriebs hauptsächlich gegenseitige Rücksichtnahme unter den Wintersportlern gefordert ist, wenn die einen bergab fahren und die anderen bergauf laufen, so warten abseits des Skibetriebs auf Tourengeher und Liftbesitzer teils lebensgefährliche Herausforderungen.

Todesgefahr statt winterlicher Romantik?

So begeben sich manche Tourengeher regelrecht in Lebensgefahr, wenn sie abseits der regulären Öffnungszeiten unterwegs sind, wenn zum Beispiel noch Pistengerät fährt, da diese häufig mit Seilen gesichert sind, die in der Dunkelheit nicht zu erkennen sind. Zum anderen hinterlassen sie in frisch präparierten Pisten teilweise heftige Schäden, da ihre Spuren in der nächtlichen Kälte festfrieren.

Nichts geht mehr auf dem Parkplatz

Aber nicht nur Gefahr für Leib und Leben ist gegeben. Durch die steigende Anzahl von Tourengehern, werden auch mehr und mehr Parkkapazitäten belegt, die den zahlenden Skifahrern fehlen. Das wiederum bedeutet für den Liftbetreiber nicht unerhebliche finanzielle Einbußen, weil eine wesentliche Einnahmequelle fehlt. Denn: Haben die Skifahrer keinen Parkplatz, kommen sie nicht mehr zum Skifahren und es werden weniger Skitickets verkauft.

Mehr und mehr gehen daher die Skiliftbetreiber dazu über entweder Parkgebühren zu verlangen oder stellen an den Zugangspunkten eine Kasse auf. So auch am Götschen. Seit Beginn der Wintersaison steht auf Höhe der Talstation eine Kasse mit der Bitte einen Unkosten- bzw. Spendenbeitrag in Höhe von 5,- Euro einzuwerfen.

Funktioniert die Bezahlung auf freiwilliger Basis?

Aber wie weit darf man auf die Ehrlichkeit der Sportler vertrauen? Für BGLand24.de haben wir ein Interview mit Bernhard Heitauer, dem Betreiber des Skigebietes am Götschen in Bischofswiesen geführt.

Interview mit Bernhard Heitauer

Herr Heitauer, nun hat auch der Götschen eine Skitourenkasse, funktioniert das?
Leider lässt die Zahlungsmoral vieler Tourengeher sehr zu wünschen übrig. Sehr viele gehen ganz bewusst einfach an der Kasse vorbei. Manche sind sogar so dreist, dass sie direkt neben der Kasse hergehen und einfach nur den Kopf wegdrehen. Gottseidank gibt es auch einige ehrliche Menschen, aber das sind leider die Wenigsten.

Wie reagieren die Tourengeher wenn man sie anspricht? Verständnisvoll oder verärgert?
Im Prinzip gibt es drei Gruppen von Skitourengehern. Diejenigen die ehrlich sind und ganz selbstverständlich bezahlen. Hier habe ich sogar schon erlebt, dass solch eine Gruppe applaudiert hat, als sie von jemandem persönlich gebeten wurden, doch bitte dem Hinweis zu folgen und seinen Obulus in die Kasse einzuwerfen. Dann gibt es eine Handvoll Leute mit denen man reden und ihnen erklären kann, dass diese 5 Euro Spende keine Abzocke ist, sondern für uns nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es geht ja in erster Linie um eine Spende, bzw. eine Beteiligung für die Parkplatzbenutzung, den Abrieb der Piste, die wir aufwendig pflegen müssen, etc. Aber dann gibt es leider auch diejenigen, die unbelehrbar sind und manchmal sogar richtig aggressiv auftreten, wenn man sie fragt, warum sie nichts einwerfen.

Wie viele Skitourengeher kommen denn so circa pro Tag?
Aktuell sind es in der Regel um die 300 Personen.

Das schafft aber auch Probleme beim Parken?
Natürlich, wir haben mittlerweile zwei Parkeinweiser, die die Gäste fragen ob sie Skifahren gehen oder Tourengeher seien. Bei den Skifahrern sitzen in der Regel mehrere Personen in einem Fahrzeug und wir möchten natürlich gerade Familien mit Kindern ermöglichen, dass sie nicht am letzten Ende des Parkplatzes parken. Ein einzelner Tourengeher tut sich da schon leichter beim Tragen seiner Skier, insofern versuchen wir hier eine gewisse Regelung vorzugeben

Funktioniert das?
Nicht immer, leider quetschen sich immer wieder Tourengeher an den Anweisern vorbei in eine der vorderen Lücken. Das sorgt dann bei manchem Skifahrer für ziemlichen Unmut. Es kam leider auch schon zu dem einen oder anderen Handgemenge, weil manche Tourengeher einfach ignorant sind. Leider bekommt dann den Ärger mein Personal ab, sowohl die Einweiser als auch die Kassenleute. Es kommt sogar so weit, dass Skifahrer dann einfach wieder nach Hause fahren und das ist für uns absolut geschäftsschädigend.

Und das „Miteinander“ auf der Piste?
Auch hier gibt es leider zwei Gruppen, die unterschiedlicher nicht sein können. Während die verantwortungsvollen Tourengeher am Pistenrand hintereinander hinaufgehen, haben wir leider auch sehr viele Gruppen, die plaudernd nebeneinander laufen. Nicht nur zu Zweit, auch zu Dritt oder Viert. Das ist für die abfahrenden Skifahrer und die Tourengeher lebensgefährlich.
Aber das ist leider nicht alles. Große Sorgen macht mir auch der Zustand der Fellwechselplätze.

Warum?
Nun, es gibt dort keine Toilettenanlage, also erleichtern sich die Leute in der freien Natur. Und das in jeder Hinsicht. Das ist wahrlich kein schöner Anblick und mehr als nur eine Zumutung gegenüber Mensch und Tier.

Apropos Tier – sind Hunde erlaubt beim Tourengehen?
Nein. Und gottseidank sind es auch mittlerweile weniger Hunde geworden. Auch wenn es nach wie vor einige unbelehrbare Halter gibt. Die Gemeinde hat ein Hundeverbot auf der Piste erlassen, es handelt sich hierbei immerhin um eine Sportanlage. Nicht nur, dass sich wie auf vielen Langlaufloipen die Sportler schon über Hundekot beschwert haben, vor allem, wenn sie gerade dort stürzen, wo die Hinterlassenschaften nicht entfernt wurde, ist es für die Hunde selber auch lebensgefährlich. Wir hatten schon einige Hunde mit durchtrennten Sehnen, das geht mit Skiern ganz fix und ist kein schöner Anblick.

Also alles in Allem nicht „romantisches einsames Skitourengehen am Götschen“, was man eigentlich unter Tourengehen versteht?
Nein. Und ich bin kein Tourengegner an sich. Aber es ist fast schon ein teilweise unbelehrbarer Massentourismus entstanden, der auch der Natur schadet. Ich mache mir vor allem auch Sorge um das Wildbret. In den 90ern, als die ersten vereinzelten Tourengeher abends noch eine kleine Runde gedreht haben, da habe ich Nachts beim Pistenpräparieren Rehe, Hirsche, Auerhahn & Co hinter meinem Gerät herspringen sehen.

Die hatten keine Angst, das war ein Miteinander. Mittlerweile kommen aber fast schon aus allen Richtungen Massen an Sportlern den Berg hinauf. Häufig leider auch mitten durch das Unterholz, die Tiere haben einfach keinen Rückzugsort mehr.

Thema Pistensperrungen zwecks Präparierung – das kann ja auch ganz schön gefährlich werden, wenn dann trotzdem Pistengeher unterwegs sind?
Natürlich. Die Geräte hängen häufig an Sicherungsseilen, die man Nachts nicht erkennt. Man erkennt aber deutlich die Scheinwerfer und Warnsignale, die signalisieren, dass man nichts auf der Piste zu suchen hat. Wir haben deutliche Hinweistafeln, auf denen man ablesen kann, zu welchen Uhrzeiten das Pistengehen erlaubt ist. Wir können diese Tafeln sogar per Telefonanruf steuern, damit sie mit Lichtsignalen die Pistensperrung signalisieren.

Und das funktioniert?
Die Technik ja – der Mensch nein. Es gibt leider sogar solche Ignoranten, die mitten in einem Kinderskirennen meinen, sie müssen mitten durch die gesteckte Strecke marschieren. Unsere Mitarbeiter haben dann alle Hände voll zu tun, hier einzuschreiten und werden dann häufig noch blöd angemacht.
Worüber viele auch mal nachdenken sollten, in den Pistenraupen sitzen in der Regel junge Familienväter, die auch irgendwann mal nach Hause zu ihren Familien wollen. Außerdem ist es für so jemanden ein sehr belastendes Ereignis und eine erhebliche Belastung, wenn sie in einen Unfall mit ihrem Pistengerät verwickelt sind, selbst wenn das Opfer nur leicht verletzt ist. So etwas durch Ignoranz und Mißachtung ganz offensichtlicher Regeln zu provozieren ist unverantwortlich.

Das bedeutet für die Zukunft?
Nun, wie gesagt, ich bin kein genereller Skitourengegner. Im Gegenteil! Rudi Schaub, Willy Däubner und ich waren federführend dafür zu sorgen, dass es in jedem Gebiet mindestens einen Tourenabend gibt, damit die Wintersportler diesem Sport bis 22 Uhr nachgehen können. Wir haben dazu sehr eng mit dem Alpenverein zusammengearbeitet, der schließlich auch die Tourengeherregeln aufgestellt hat. Wir waren dazu auch immer zu den Kuratorien am Berg eingeladen um dieses Thema zu behandeln.

Das Problem sind aber leider diejenigen die sich nicht an diese Regeln halten. Es gibt immer mehr Skigebiete in Österreich, die Tourengehen generell verbietet. Das sorgt bei uns leider für einen stetig wachsenden Zulauf. Würden sich die Leute an die Regeln halten, wäre das kein Problem. Aber die unbelehrbare Masse schafft einfach Probleme. Hier wird es im neuen Jahr einige Gespräche mit der Gemeinde geben, wie wir zukünftig verfahren. Wenn mich jemand fragt, Tourengehen auf den Pisten „Ja“ oder „Nein“, dann muss ich leider sagen: Wenn sich an dem Verhalten der Leute nichts ändert, dann kann ich mir das zukünftig finanziell bald nicht mehr leisten dieses zu genehmigen.

Morgen geht´s weiter mit ein paar Infos, über das Skitourengehen in den Skigebieten im Berchtesgadener Land…

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Petra Sobinger

petra.sobinger@be-outdoor.de

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